Potenziale der Sozialen Landwirtschaft in Südtirol

von Thomas van Elsen

Am Campus Brixen der Universität Bozen in Südtirol fand am 10. Mai 2018 eine ganztägige Tagung zum Thema „Potenziale der Sozialen Landwirtschaft in Südtirol – Überlegungen zur Implementation einer Sozialen Innovation“ statt. Eingeladen hatte Prof. Dr. Susanne Elsen - Professorin für Soziologie sozialer und kommunikativer Prozesse an der Freien Universität Bozen seit 2010 und mit dem Verfasser dieses Berichts weder verwandt noch verschwägert. Susanne Elsen leitet die Studiengänge „Sozialpädagogik“ und „Sozialarbeit“; die Tagung war Teil des Forschungsprojekts „Erschließung des Potenzials Sozialer Landwirtschaft in Südtirol (UPAS)“.

Der Tagung vorangegangen waren Missverständnisse und ein teils polemischer Schlagabtausch in den Medien im Zusammenhang mit der Verabschiedung des südtiroler Gesetztes zur Sozialen Landwirtschaft: Das Angebot sozialer Dienstleistungen auf Höfen seitens der Landwirtschaft mit dem Ziel der Einkommensdiversifizierung rief Vertreter der Sozialen Arbeit auf den Plan, die ihre Arbeit und ihr Aufgabenfeld in Frage gestellt sahen und sich übergangen fühlten. Auf der Tagung waren alle Beteiligten um Glättung der Wogen und Dialog bemüht, und zumindest mir als externem Gast erschien das gegenseitige Wohlwollen spürbar, aufeinander zuzugehen.

Das „Landesgesetz Soziale Landwirtschaft“
Südtirol ist als pdf-Datei abrufbar:

http://www2.landtag-bz.org/documenti_pdf/idap_538702.pdf

Einleitend referierte Maria Hochgruber-Kuenzer, Abgeordnete im Südtiroler Landtag und ehemige Landesbäuerin, über  Südtiroler Bäuerinnen als Pionierinnen der Sozialen Landwirtschaft. Bereits 2006 hatten Bäuerinnen nach österreichischem Vorbild eine Kinderbetreuung auf Höfen eingeführt [1] und Naturpädagogik integriert. Die genossenschaftlich organisierten Höfe betreuen 450 Kleinkinder in 86 Gemeinden des Landes, bevor sie das Kindergartenalter erreichen. 2015 wurde im Rahmen eines Interreg-Projektes mit Seniorenbetreuung begonnen. „Die Menschen kommen als Gast, wir holen sie heraus aus ihren vier Wänden!

In meinem eigenen Beitrag zur Tagung Soziale Landwirtschaft in Europa – Perspektiven sozialer und ökologischer Inklusion versuchte ich die Vielfalt und die länderspezifischen Besonderheiten in der Ausgestaltung Sozialer Landwirtschaft aufzuzeigen. In Deutschland sind dies die auf bestimmte Zielgruppen spezialisierten Höfe, die zu Behindertenwerkstätten gehören oder als Lebens- und Arbeitsgemeinschaften organisiert sind, sowie die gut organisierten Schulbauernhöfe, wobei sich durch das Bundesteilhabegesetz eine Öffnung für „andere Anbieter“ abzeichnet. – In Italien sind es die zahlreichen sozialen Kooperativen - Sozialgenossenschaften, aber auch die Möglichkeit für soziale Initiativen, sich mit guten Konzepten um die Bewirtschaftung enteigneten Mafia-Landes bewerben zu können. Wie in Deutschland gibt es einige besonders aktive Regionen, die Entwicklung ist landesweit uneinheitlich. Der Öko-Anbauverband AIAB hat sich stark in Bereich der nicht wenigen Gefängnis-Landwirtschaften engagiert und eine landesweite Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung bewirkt.

Susanne Elsen von der Freien Universität Bozen stellte dann das interdisziplinäre Forschungsprojekt „ Soziale Landwirtschaft als Soziale Innovation“ vor. „Nach der Definition des Instituts für soziale Entwicklung der UN entstehen soziale Innovationen, wenn Organisationen und Netzwerke neue Ideen, Strategien und Praktiken entwickeln, die in der Lage sind, den sozialen Bedürfnissen einer Gesellschaft besser gerecht zu werden und dabei Beziehungen zu stiften, die positive soziale und ökologische Effekte mit sich bringen.“ Und: Soziale Landwirtschaft ist eine weitreichende Innovation!

Drei Beispiele wurden vorgestellt: Die Sozialgenossenschaft Nazareth verfolgt das Ziel der Qualifikation und Arbeitsintegration junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Der Betrieb wirtschaftet ökologisch und betreibt ein Tagungshaus sowie ein Inklusionsrestaurant. Angestellt sind landwirtschaftliche und sozialpädagogische Fachkräfte sowie geförderte MitarbeiterInnen. Vor Ort ist der Betrieb vernetzt mit Sozial- und Gesundheitsdiensten und mit Migrantenfamilien, die Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgenommen haben. Susanne Elsen bezeichnete den Betrieb als „Gemeinwesen-basiertes, vernetzt agierendes und gemeinnütziges Unternehmen der Sozial- und Solidaritätsökonomie“. – Beispiel 2 ist die Sozialgenossenschaft Vinterra im Vinschgau. Deren Zielgruppe sind Benachteiligte, insbesondere psychisch beeinträchtigte Menschen; angestrebt werden berufliche und soziale Integration und Gesundheitsförderung. Sinnerfüllte Arbeit, der Anbau und Vertrieb von Biogemüse und Gasthauskultur dienen diesen Zielen. Tätig sind ein angestellter Landwirt und soziale Fachkräfte sowie geförderte angestellte Menschen.

Das dritte Beispiel ist die Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen-wachsen-leben“, die bereits 2006 von Pionierinnen der Sozialen Landwirtschaft gegründet wurde. Angeboten wird Kleinkinderbetreuung durch ausgebildete Tagesmütter am Hof. 100 Südtiroler Bäuerinnen leisten mehr als 25000 Betreuungsstunden monatlich.

Als „zu erschließende“ Potenziale wurden „Arbeitsintegration und Qualifikation“ und als Zielgruppen Migranten, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Schulabbrecher und Schulverweigerer, Haftentlassene und ältere Langzeitarbeitslose genannt. An dem Projekt sind 13 verschiedene Disziplinen beteiligt.

Bei der folgenden Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Landwirtschaft, Sozialer Arbeit und der Politik bestand Einigkeit über die Eignung Sozialer Landwirtschaft für ein breites Angebot an Aktivtäten und Dienstleistungen. „An den Bedürfnissen orientierte Formen“ sollten gesucht werden und nach Möglichkeiten, diese kostengünstig und nachhaltig zu finanzieren. Soziale Landwirtschaft sei eine „Ergänzung der Angebotspalette“. Der Trend zur Professionalisierung stehe dem Ziel, niederschwellige Angebote einzurichten, entgegen. Die Formulierung des Gesetzes sei mit der Herausforderung verbunden gewesen, die Realitäten zu formalisieren: „Das Gesetz allein wird nicht die Welt verändern.“ Die zugehörigen Umsetzungsbestimmungen sind teilweise erst noch zu konkretisieren.

Georg Leimstädtner, Geschäftsführer des Dachverbandes für Soziales betonte mit Blick auf die Landwirte, dass es bisher an Angeboten mangele: „Alle, die sich einbringen, sind willkommen!“ Andererseits sei aber auch die Einhaltung von Qualitätsstandards wichtig. Der soziale Sektor sei etwas überrollt worden von der Gesetzesinitiative, wurde aber dann noch in das Verfassen des Gesetzestextes hinzugebeten. Soziales und Landwirtschaft müsse man als Partnerprojekt verstehen. – Antonia Egger-Mair, Bezirksbäuerin aus Bozen sagte, „die Freude am Umgang mit dem Mensch“ stehe im Vordergrund, aber auch ein kleines Zusatzeinkommen. Wichtig ist, die Betriebe gut zu vernetzen und zu betreuen. Es braucht Schnittstellen zum Sozialbereich – eine gute Begleitung der Höfe unter Einbeziehung sozialer Einrichtungen und Anbietern soll angestrebt werden.

Peter Grassl von der Sozialgenossenschaft Vinterra bezeichnete die Landwirtschaft als „sehr interessantes und geeignetes Medium für Sozialarbeit“. Der Erfolg und Zusammenhänge sind unmittelbar erlebbar. Erforderlich ist eine geeignete Betriebsstruktur und es muss klar sein, welche Standards es z.B. in Bezug auf Pflege braucht – „hier gab es teilweise Irritationen und Unklarheit“.

Alex Unteregger vom Burger-Hof appellierte: „Die Menschlichkeit und die Sache an sich sollten im Vordergrund stehen!“ Wichtig sei es, Freiräume zu schaffen und Verantwortung an die Betriebe abzugeben. Beim Aktivieren des Netzwerks darf sich niemand übergangen fühlen: Schulen, Gemeinde, Hof, Jugenddienste – entscheidend ist die Kommunikation, man solle das gemeinsame Ziel sehen, „es geht um den Willen zur Zusammenarbeit zugunsten einer guten Sache!“ Statt auf die Einhaltung von Formalien zu setzen sollten „Menschlichkeit und Eigenverantwortung“ angestrebt werden.

Es folgte noch eine zweite Podiums-Diskussionsrunde. Einige Aussagen:

  • „Formalisierung versus Flexibilität: Dinge sollen ausprobiert und umgesetzt werden, ohne durch Bürokratie gehemmt zu werden“

  • „Professionelle Begleitung ist gut, aber nicht über Dokumentationszettel.“

  • „Es hängt von den Menschen ab und nicht von den Formalitäten, ob ein Projekt ein gutes ist!“

  • Individuelle Initiative soll bei gleichzeitiger Qualitätssicherung ermöglicht werden.

  • „Die zunehmende Formalisierung und Absicherung ist ein Problem. Wir leben in einer Absicherungsgesellschaft!“

  • Professionell im Bereich Soziales Tätige fühlen sich leicht angegriffen: „Jeder kann Soziales“. „Man darf den Beruf der Sozialen Arbeit nicht entwerten“.

  • Aus Sicht der Betroffenen braucht es unbedingt individuell angepasste Angebote. Man muss von der Seite der Zielgruppen her denken. Ziel ist, dass für diese im Sinne der Inklusion das Leben „immer normaler“ wird. Grundsätzlich gibt es einen „Spagat zwischen Menschlichkeit und Formalitäten“.

Am Nachmittag folgte noch eine Reihe weiterer Vorträge. Prof. Monika Fikus, Freie Universität Bozen referierte „Über die Potenziale des Mensch-Natur Verhältnisses in der Sozialen Landwirtschaft“ und Gesa Busch, Freie Universität Bozen über „Mit Hoftieren lernen“. „Ein Streichelzoo erlaubt kein artgerechtes Erleben!“. „Sitzen und verweilen – Hasen beobachten statt sie aufzunehmen, zu streicheln und fallen zu lassen … sich Zeit lassen, die Tiere kommen dann, wenn sie nicht bedrängt werden“. Claudia Lintner und Ulrike Folie, Freie Universität Bozen, berichteten über Potenziale der Arbeitsintegration von Migranten in der Sozialen Landwirtschaft. Thomas Streifeneder, EURAC, Bozen, betrachtete „Soziale Landwirtschaft als Strategie für periphere ländliche Räume“ und erweiterte die Perspektive Sozialer Landwirtschaft auf deren Möglichkeiten zum Erhalt der Landwirtschaft im Alpenraum. Noch ist die Hofübergaberate in den Alpen hoch, während sich in England jede Woche ein Landwirt das Leben nimmt.

Armin Bernhard und Livio Biasia, Freie Universität Bozen sprachen über die Betreuung und Beschäftigung von Menschen mit Vermittlungsbarrieren im Arbeitsmarkt in der Sozialen Landwirtschaft. In der Vergangenheit hat der Staat immer mehr Betreuungsaufgaben übernommen. Die Sozialgenossenschaften seien eine Gegenbewegung zur Krise des Sozialstaats in den 1980er-Jahren – „gemeinschaftlich etwas produzieren“ war das Ziel. Die ursprüngliche Intention, Menschen in Arbeit zu vermitteln, wurde aber nicht erreicht, stattdessen entstand ein zweiter Arbeitsmarkt. Die verschiedenen Gruppen Benachteiligter wachsen stetig, die sozialen Kooperativen haben aber nicht wie eigentlich intendiert eine Durchlauffunktion. Die im 2. Arbeitsmarkt wirtschaftenden Betriebe werden immer mehr den Kräften des Marktes ausgesetzt und stehen unter dem Druck nach Effizienz und Rationalisierung. Das italienische Gesetz zur Sozialen Landwirtschaft fokussiert auf die Regelung der landwirtschaftlichen Erzeugung. Dazu sind die Tätigkeitsfelder eines Betriebes unter der Einbindung von Beschäftigten neu zu organisieren. Mindestens 30% des Einkommens müssen durch landwirtschaftliche Erzeugung generiert werden.

Federica Viganò, Freie Universität Bozen, referierte über Sozialökonomische Potenziale der Sozialen Landwirtschaft. Die Vergleichbarkeit der Initiativen ist nur begrenzt gegeben wegen derer Unterschiedlichkeit. Die Methoden zur Quantifizierung des gesellschaftlichen Mehrwerts (SROI, MESMIS) sind extrem aufwändig.

Den Abschluss machte Sergio Angeli, Freie Universität Bozen, mit einem begeisternden Vortrag über die Bienen. Als soziale Insekten sind sie im umfassendsten Sinne „sozial“, sie bestäuben Blüten und erzeugen aus dem Nektar Honig. Damit erbringen sie einen kaum quantifizierbaren Nutzen für die Ökosysteme, in denen sie unterwegs sind. Die Bienenhaltung in der Sozialen Landwirtschaft ist weit verbreitet; sie erbringt dadurch einen großen ökologischen Mehrwert.

Kontakt: Dr. Thomas van Elsen, , Thomas.vanElsenpetrarca.info,    
Tel. 05542-981655.

 

Anmerkung: Inzwischen hat eine zweite Tagung am 14.02.2019 stattgefunden mit dem Fokus auf "Überlegungen zu den Potenzialen einer Sozialen Innovation". Hier geht es zum Tagungsprogramm.


Titelblatt des südtiroler Landesgesetzes zur Sozialen Landwirtschaft – zweisprachig auf deutsch und italienisch
Maria Hochgruber-Kuenzer, Abgeordnete im Südtiroler Landtag und ehemige Landesbäuerin