Perspektiven der Sozialen Landwirtschaft in Südtirol

Prof. Dr. Susanne Elsen

Überlegungen zu den Potentialen einer Sozialen Innovation

Am 10. Februar 2019 fand am Campus Brixen der Freien Universität Bozen eine weitere Tagung zu „Perspektiven der Sozialen Landwirtschaft in Südtirol“ statt. Im „UPAS-Newsletter“ vom 14.2.2019 findet sich ein Interview mit der Sozialwissenschaftlerin und Professorin Susanne Elsen, das wir an dieser Stelle wiedergeben.

Interview mit Susanne Elsen

Prof. Dr. Susanne Elsen, Sozialwissenschaftlerin, befragt von Mag. Armin Bernhard, Bildungswissenschaftler, Interdisziplinäres Forschungsprojekt UPAS, Potenziale der Sozialen Landwirtschaft an der Freien Universität Bozen

In der Tagung werden Möglichkeiten der Sozialen Landwirtschaft in Südtirol besprochen. Zunächst einmal, was ist mit „sozialer Landwirtschaft“ gemeint?

Während wir im Rahmen der ersten Tagung im Mai 2018 vor allem Südtirol und seine spezifische Entwicklung im Fokus hatten und dabei insbesondere auf die Organisationsweise und die Wirkungen sozialer Landwirtschaft auf bestimmte Zielgruppen des Sozial- Gesundheits- und Bildungswesens geschaut haben, erweitern wir im Rahmen dieser Tagung die Perspektive um Erfahrungen in anderen Regionen Italiens und vor allem um die Frage, welche Effekte die soziale Landwirtschaft für das Gemeinwesen im allgemeinen, insbesondere in peripheren ländlichen Räumen haben kann. Dabei geht es um die Erhaltung oder auch Neugestaltung kleinstrukturierter, oft innovativer Landwirtschaften und es geht um die möglichen Wirkungen Sozialer Landwirtschaft auf Landschaftsökologie. Wir verwenden den Begriff „Green Care“ und schließen uns damit den internationalen Fachdiskursen an. Green Care ist ein Sammelbegriff, der die Arbeit mit und für Menschen in der Natur und im landwirtschaftlichen Umfeld beschreibt. Es geht immer um einen aktiven Prozess z.B. im Kontakt mit Erde, Tieren und Pflanzen, der sich positiv auf die psychische und geistige Gesundheit verschiedener Zielgruppen auswirken soll. Der Landwirtschaftliche Kontext ist also nicht nur die Kulisse, sondern zentraler Bestandteil des intendierten Bildungs-, Integrations-, Unterstützungs- und Heilungsprozesses. 

Welche Vorteile bringt Soziale Landwirtschaft?

Mit der Erweiterung unserer Perspektive im Rahmen der zweiten Tagung unseres interdisziplinären Forschungsprojektes, geht es nicht nur um die Frage, wie Landwirtschaft als Setting sozialer und therapeutischer Arbeit nutzbar sein kann, sondern wie diese Arbeit gestaltend und therapeutisch auf die Landschaft wirken kann, in der sie stattfindet. Es geht also nicht nur um die Frage wie die Begegnung mit Natur und Landschaft sowie die Arbeit in der Landwirtschaft einen Mehrwert für Menschen mit Unterstützungsbedarf einerseits und für die Anbietenden andererseits erzeugt, sondern umgekehrt auch, wie diese einen Mehrwert für Natur und Landschaft erzeugen können, wie ihr Tätigsein für die Natur, die Kulturlandschaft und die Biodiversität heilsam sein kann. Es geht dabei um ein neues Verständnis von Nehmen und Zurückgeben, einer Kernfrage der ökosozialen Transformation. Eine Grundhaltung im Umgang mit den Lebensgrundlagen, welche in den vergangenen Jahrzehnten der ausbeuterischen und auf Größenwachstum angelegten Landwirtschaft als irrelevant ausgeblendet wurde. Soziale Landwirtschaft ist eine Alternative zur dominanten Wachstumswirtschaft, welche soziale und ökologische Verantwortung negiert. 

Es sollen alternative Landwirtschafts-Modelle im internationalen Bereich besprochen werden. Können Sie mir einige dieser best-practice Beispiele nennen? Welche Länder gelten als besondere Vorreiter und warum?

Auf der Tagung beschränken wir uns auf Beispiele öko-sozialer Landwirtschaft aus dem europäischen Raum. Es gibt auch global viele gute Beispiele. Auch in Europa gibt es viele Beispiel, wobei diese meist von unten entstehen, durch das Engagement von Personen und Initiativen. In Italien ebenso wie in Deutschland oder Spanien. Dabei sind dies einzelne landwirtschaftliche Betriebe, wie z.B. der santerhof in Mühlbach als auch Sozialgenossenschaften wie Vinterra in Mals oder auch die öffentliche hand wie der Sägemüllerhof im Pustertal um einige Beispiele aus Südtirol zu nennen. Oder Agitu Giudetta, welche im Trentino brachliegende Flächen bewirtschaftet und Ziegenkäse herstellt und zudem Geflüchteten eine Arbeit verschafft sind solche Beispiele. Derer gibt es viele und es entstehen ständig neue.

Wie öko-sozial ist Südtirols (bzw. Italiens) Landwirtschaft (im internationalen Vergleich) und was muss noch getan werden, wo herrschen die größten Hindernisse?

Auch in Südtirol gibt es wie oben angedeutet viele hervorragende Beispiele. Es gibt aber auch noch viel zu tun. Wie die Diskussion um Mals zeigt, werden neue Wege vielfach noch bekämpft anstatt sie zu unterstützen und den Nutzen für die Bevölkerung, den Tourismus und auch die Landwirtschaft zu sehen. Da macht eine Änderung der Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik von Bauernbund und Landesregierung Sinn. In Ansätzen ist diese Änderung bereits erkennbar, kann aber noch beträchtlich verstärkt werden.

Gibt es bereits konkrete Projekte in diesem Bereich, von denen Sie mir erzählen können? Es sollen mehr soziale Gemeinschaftsgärten gebaut werden. Ist das ein Modell für die Zukunft, oder spielen diese nur eine marginale Rolle? Dem gesellschaftlichen Umbau geht meist ein Umdenken der Gesellschaft voraus. Wie weit ist das Umdenken global (in der neuen Generation) und wie weit bei uns? Denken Südtiroler heute sozialer, ökologischer, grüner als früher?

Eine gesellschaftliche Veränderung vollzieht sich meist wechselseitig. Ein Umdenken verändert die Praxis, eine veränderte Praxis ist jedoch zugleich notwendig für weiteres Umdenken. Südtirols Landwirtschaftspolitik verweist oft auf die notwendige Veränderung des Einkaufsverhaltens. Gerade dieses Einkaufsverhalten ist jedoch auch politisch, durch Subventionen und vom Markt gesteuert. Durch eine Veränderung der Landwirtschaftspolitik ergibt sich auch ein Umdenken. In der jungen Generation sind die Folgen der intensiven Landwirtschaft und die notwendige gesellschaftliche Veränderung auch aufgrund der Klimaveränderung vielfach präsent. Sei es in der bäuerlichen als auch nichtbäuerlichen Gesellschaft. Zugleich ist dies nicht eine generationenfrage, denn auch ältere Personen sind sich der notwendigen Veränderungen bewusst.

Die Schädlingsbekämpfung und Anwendung von Pestiziden ist immer ein großes Thema in ST. Unsere Region hat sogar den höchsten Chemieeinsatz Italiens. Sind Pestizide wirklich so schädlich? Kann man es Bauern verübeln, wenn sie wirtschaftlich denken? Und welches wären Lösungen/Alternativen?

Der Einsatz von chemisch synthetischen Mitteln wird in der Geschichte der Landwirtschaft auf einen kurzen Abschnitt beschränkt bleiben. Es ökologisch und gesundheitlich aber auch ökonomisch nicht länger sinnvoll. Für Südtirol kommt noch hinzu, dass wir mit industrialisierter Landwirtschaft und mit Monokulturen nicht mit anderen Regionen messen können. Global und lokal macht nur eine Ökologisierung der Landwirtschaft Sinn.

Was ist mit Gentechnik. Könnte das eine Lösung sein?

Auf vielen Ebenen wird versucht die Lösung der heutigen gesellschaftlichen Probleme mit vermehrter Technik zu lösen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass viele Probleme nicht technisch gelöst werden können, sondern andere Probleme schaffen. Der enorme Energie- und Ressourcenverbrauch der Landwirtschaft kann mit Gentechnik nicht gelöst werden. Meist können wir die dadurch entstehenden Probleme heute noch nicht erfassen. Zudem haben wir kein Problem der Menge an Lebensmitteln auf der Welt. In der westlichen Welt essen wir zuviel Fleisch, das mit Soja und Getreide gefüttert wird und erzeugen Energie aus Lebensmitteln.

Ist BIO wirklich die sozialere Art der Landwirtschaft?

Bio ist eine Art des Anbaus von Lebensmitteln bei dem auf chemisch synthetische Mittel verzichtet wird. Sie kann aber genauso industrialisiert und in Monokulturen ablaufen. Zudem sind daran keine sozialen Standards geknüpft. Auch biologische Landwirtschaft kann ausbeuterisch sein. Und sie kann auch sozial sein.

Ein Problem mit dem ST zu kämpfen hat: Spezialisierung auf Apfel und Trauben- das führt zur Monokultur und damit einhergehende Erschöpfung der Böden. Gibt es dieses Risiko bei uns? Wie sollten wir vorgehen?

Der Boden wird in globalem Diskurs eines der wichtigsten themen der nächsten Jahre werden. Bodenverbrauch, Ausdehnung der Wüsten, Bodenerschöpfung sind zentrale gesellschaftliche Probleme. Dies wird auch in Südtirol immer klarer ersichtlich und ebenso immer stärker erkannt. So gilt es auch bei uns in diesem bereich viel mehr Anstrengungen zu unternehmen und auf eine Landwirtschaft zu setzen, welche die Bodenfruchtbarkeit stärkt, anstatt sie abzubauen. Auch dies zeigt von der Notwendigkeit der Umgestaltung der Landwirtschaft und auch hier wird nicht eine weitere Technologisierung die Lösung bringen. Eine Extensivierung der Landwirtschaft und mehr Vielfalt sind Wege dazu.

Sozial- schön und gut. Aber wie überzeugen sie einen Apfelbauer davon? Schließlich muss er wirtschaftlich denken, denn seine Existenz und die, seiner Familie ist von dem Einkommen abhängig. Und Monokulturen sind nun mal rentabler, Pestizideinsätze nötig, wirtschaftliches Denken wichtiger als soziales.

In Bezug auf Rentabilität ist es wichtiger genauer hinzusehen. Die heutige Landwirtschaft ist „rentabel“ dank großzügiger Förderungen aus Steuermitteln und durch die Auslagerung der Folgekosten an die Allgemeinheit. Monokulturen und industrialisierte Landwirtschaft bringen Pestizideinsatz, Bodenausbeutung und Folgen für die Gesundheit von Mensch und Natur mit sich. Diese Folgen werden abgewälzt. Würden mit ehrlichen Preisen diese Kosten einberechnet wären diese Lebensmittel viel teurer. Die heute in der westlichen Welt dominierende Landwirtschaft mit der Förderung der Großen ist Ausdruck eines politischen Willens. Global werden die Menschen aber vorrangig durch kleinteilige Landwirtschaft ernährt. Die Änderung politischer regeln ändert sehr schnell die Art der Landwirtschaft und dem was wir als rentabel bezeichnen.

Der Bericht kann im Rundbrief 37, S.30ff. heruntergeladen werden.

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