Soziale Landwirtschaft – ein Begriff in Bewegung

Warum wir Soziale Landwirtschaft ungern definieren – Versuch einer Standortbestimmung

Thomas van Elsen

Definieren Sie doch bitte einmal „Soziale Landwirtschaft“! Diese Aufforderung steht seit Jahren im Raum, und eine kurze Antwort wäre: „Soziale Landwirtschaft ist die Verbindung von landwirtschaftlicher Erzeugung mit sozialer und pädagogischer Arbeit“. Green Care, ebenfalls verbreiteter Begriff besonders in Österreich und der Schweiz, legt den Blickwinkel mehr auf die gesundende Wirkung „grüner“ Umgebung und Aktivitäten, umfasst außer der Landwirtschaft auch Gartenanlagen in Altenheimen und betrachtet den Landwirtschaftsbetrieb mehr als Setting für therapeutisch wirksame Aktivitäten. Soziale Landwirtschaft hat jedoch noch andere Blickwinkel als Green Care in Agriculture, stellt den Landwirtschaftsbetrieb selber und seine therapeutischen und gesundenden Potenziale in den Fokus. 2004 war Farming for Health der Titel der ersten internationalen Tagung zum Thema: eine gesundheitsfördernde Landwirtschaft, die Arbeit meist landwirtschaftsfremder Menschengruppen an und in der Natur in den Mittelpunkt stellt.

Was aber macht Soziale Landwirtschaft aus? Im „Witzenhäuser Positionspapier zum Mehrwert Sozialer Landwirtschaft“ (nach langen Abstimmung verabschiedet in 2008) hatten wir uns mit einer Auflistung der einbezogenen Menschengruppen beholfen, eher charakterisierend als definierend, und als Ausblick formuliert, dass wir Soziale Landwirtschaft nicht nur als „eine weitere Spezialisierungsmöglichkeit für landwirtschaftliche Betriebe verstehen, sondern darüber hinaus als möglichen Baustein für eine sozialere Zukunft. Soziale Landwirtschaftsbetriebe in überschaubaren Strukturen bieten Perspektiven für die individuelle Entwicklung von Menschen mit Hilfebedarf, einen nachhaltigen Umgang mit der bewirtschafteten Natur und für die Belebung ländlicher Räume. Indem sich viele Einzelne verbinden und soziale Werte entwickeln, entstehen im Kleinen Alternativen zu fortschreitender Rationalisierung, Konkurrenz und Preiskampf. Der Mehrwert Sozialer Landwirtschaft eröffnet Aussichten auf einen möglichen Paradigmenwechsel“ (van Elsen & Kalisch (2008)[1].

Natürlich hätte eine Definition etwas Verlockendes, wäre ungeheuer praktisch als Grundlage für Gespräche mit Politikern oder bei Forschungsanträgen, aber eine Definition kann auch Entwicklung verhindern, abschneiden und Entwicklung erstarren lassen. Warum?

Es gibt dazu einen kaum beachteten philosophischen Hintergrund: Das Spannungsfeld Definition und Begriff geht auf den Nominalismusstreit der Scholastiker im Mittelalter zurück. Hier standen zwei Auffassungen unversöhnlich nebeneinander: Die Realisten sprachen Phänomenen einen ideellen Gehalt zu, ein dahinter oder besser darin wirksames Ideelles, eine Idee, während die Nominalisten Bezeichnungen oder Namen für Phänomene als bloß menschliches Konstrukt, als Namengebungen verstanden. Als „Begriff“ könnte man den ideellen Inhalt einer Sache bezeichnen, der im Konkreten der Ausgestaltung der Sache zur Erscheinung kommt und sich unterschiedlich ausgestalten kann (Realismus). Eine „Definition“ ist dagegen eine Benennung, eine Festlegung nach bestimmten, von außen an die Sache angelegten Kriterien und Gesichtspunkten durch den Namengeber (Nominalismus).

Definitionen schränken den Blickwinkel ein und lassen wenig Platz für Unerwartetes, für Neues. Einige Beispiele für Unerwartetes zur Sozialen Landwirtschaft:

Vor einigen Jahren war ich zur Jahresversammlung auf dem Schepershof eingeladen, einem von mehreren Demeterhöfen am Südrand des Ruhrgebiets im idyllischen Windrather Tal, um einen Vortrag über Soziale Landwirtschaft zu halten. Der Hof hat einen Förderverein aus Menschen, die sich bis in die Übernahme wirtschaftlicher Verantwortung mit der Betriebsgemeinschaft verbunden haben. Wie oft stelle ich in meinem Vortrag Soziale Landwirtschaft vor: die Vielfalt an Ansätzen, unterschiedliche Menschen mit Unterstützungsbedarf in landwirtschaftliche Betriebe zu integrieren, und aktuelle Entwicklungen im In- und Ausland. Und blicke nach dem Vortrag in überraschte Gesichter: „Aber was WIR machen ist doch Soziale Landwirtschaft!“ Der Aspekt, dass der Hof auch einen Menschen mit Betreuungsbedarf integriert hat, ist für die Anwesenden nicht das Wesentliche, sondern dass eine Menschengemeinschaft für das Wirtschaften auf dem Hof Mitverantwortung übernimmt.

Szenenwechsel. Vorlesung „Soziale Landwirtschaft“ am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel mit Bachelorstudenten letztes Wintersemester, die erste Stunde. Ich beginne gern mit einer Fragerunde bzw. einer Ideensammlung, um etwas über das Vorwissen und die Fragen der Studierenden zu erfahren. Die Studenten geben Statements ab, die ich an der Tafel notiere. Eine der ersten Antworten: „Für mich ist Soziale Landwirtschaft das Zahlen gerechter Löhne für die Mitarbeiter!“ Auf Nachfrage ging es dem Studenten nicht um betreute, sondern um reguläre Mitarbeiter in der landwirtschaftlichen Erzeugung!

Nächster Szenenwechsel: In der E-Mail-Flut ein Veranstaltungshinweis zu einem von der Gemeinnützigen Gesellschaft für integrative Beschäftigung (Bremen)[2] veranstalteten Workshop in Leipzig mit einem überraschenden Titel: ‚Social Farmers‘ - Umsetzung inklusiver Urban Gardening-Projekte. Im Flyer heißt es: „Teilhabe ist längst nicht mehr das alleinige Ziel der Behindertenhilfe. Die Herstellung sozialer Gemeinschaften wurde zur Paradedisziplin der Urban Gardening-Bewegung. Und so bieten urbane Gemeinschaftsgärten insbesondere im Rahmen der Freien Wohlfahrtspflege gesellschaftliche Teilhabe und inklusive Sozialräume. Zusammen mit unseren etablierten Partnern wollen wir das inklusive Wirkungspotenzial städtischer Gemeinschaftsgärten nutzen und ausbauen. Wir möchten mit diesem Vorhaben Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie geistigen und seelischen Behinderungen ansprechen und zur quartiernahen Mitarbeit in eigenen oder bestehenden Gemeinschaftsgärten inspirieren. Darüber hinaus spricht das Vorhaben auch Träger sozialer Einrichtungen und Dienstleistungen, Wohlfahrts- und Angehörigenverbände und kommunale Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und -verwaltung an, um Kooperationen mit den Betreibern bestehender Stadtgärten zu initiieren“.

Letzter Szenenwechsel. Tschechien, ich bin eingeladen, zu einem Seminar im Sozialtherapeutischen Zentrum der Akademie für Sozialkunst Tabor beizutragen. Das Seminar findet auf dem kleinen Hof der Akademie in dem Dorf Nová Ves nad Popelkou statt. Auch hier sind einige Menschen mit Unterstützungsbedarf integriert, das eigentlich „Soziale“ ist aber, dass der Hof ein Lern- und Experimentierfeld für soziales Zusammenarbeiten der Teilnehmer und Absolventen der in Prag ansässigen Akademie ist, und dass das praktische gemeinschaftliche Arbeiten auf dem Hof integraler Teil der Studienangebote in Heilpädagogik, Sozialtherapie und Kunsttherapie ist. Auf dem Seminar berichtet Dr. Jan Moudrý von der Universität Südböhmen: Die tschechische Landwirtschaft wird von aus der sozialistischen Zeit stammenden Großbetrieben dominiert, die Betriebe orientieren sich stark daran, was subventioniert wird, auch die Biobetriebe sind teils Großbetriebe in Gebirgsregionen, die Subventionen abgreifen und real nichts bewirtschaften. Der Leiter des Hofes in Nová Ves, Petr Janát Dolista, Landwirt und Geschichtslehrer, überrascht mich mit einer eigenen Definition, was Soziale Landwirtschaft ist: „Landwirtschaft, die nicht unsozial ist! Die heute verbreitete Form der Landwirtschaft ist im umfassendsten Sinne asozial!“ Ich finde, Petr Janát Dolista hat recht, und Soziale Landwirtschaft bietet Perspektiven, dies zu ändern!  

Weiteres ließe sich anführen und soll in kommenden Rundbriefen fortgeführt werden, etwa die Diskussion um den Inklusionsbegriff, dessen Erweiterung um „ökologische Inklusion“ oder das neue Bundesteilhabegesetz. Soziale Landwirtschaft hat Entwicklungspotenziale, die in den oben genannten Beispielen zum Ausdruck kommen. Für die Höfe, für Landwirte, Sozialarbeiter und Pädagogen in der Landwirtschaft bedeutet es, dass ihre Arbeit auf eine solide finanzielle Grundlage gestellt wird, dass der Stellenwert Sozialer Landwirtschaft in der Gesellschaft ein anderer werden muss, und dass der Mehrwert einer sozialeren Landbewirtschaftung gesellschaftliche Anerkennung findet. Der Begriff Soziale Landwirtschaft ist in Entwicklung! Die Veranstaltungshinweise und Berichte in diesem Rundbrief sind Mosaiksteine auf diesem Weg und sollen Sie teilhaben lassen an aktuellen Aktivitäten und Initiativen.

 


[1] van Elsen, T.,Kalisch, M. (Red.) (2008): Witzenhäuser Positionspapier zum Mehrwert Sozialer Landwirtschaft. Erarbeitet von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung „Der Mehrwert Sozialer Landwirtschaft“ vom 26. bis 28. Oktober 2007 in Witzenhausen. – In: Friedel, R., Spindler, E.A. (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. VS Verlag: 209-213, Wiesbaden. Als Download auf www.soziale-landwirtschaft.de

[2] www.gemuesewerft.de

 

Hier geht es zur PDF (Rundbrief 24, S.4f.).